Masterplan: Neu nachzudenken

Die Vermischung versorgungs- und bildungspolitischer Themen ist das Kernproblem des Masterplans, meint Dr. Kevin Schulte. Er sagt: Die nüchterne Bestandsaufnahme kommt zu kurz.

Von Dr. Kevin Schulte

 

 

Noch bevor mein Medizinstudium begann, wurde ich von meiner neuen Nachbarin, einer gestandenen Dame in ihren Achtzigern, gewarnt: "Sie wollen Medizin studieren? Da werden Sie aber viel lernen müssen, um später ein guter Arzt zu werden". Sie hatte Recht! Und hat mit dieser Aussage eine eigentliche Selbstverständlichkeit auf den Punkt gebracht: Wir lernen, um unseren beruflichen Herausforderungen – unabhängig der Fachrichtung – später gewachsen zu sein. Da sich unser medizinischer Kenntnisstand rasch entwickelt, muss auch unser Ausbildungssystem regelmäßig kritisch geprüft werden. Immer mit dem Ziel, eine qualitativ hochwertige Ausbildung zu gewährleisten.

Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD mit dem Masterplan Medizinstudium 2020 nun eine "Modernisierung" des Medizinstudiums auf die politische Agenda gesetzt. Befremdlich ist hieran vor allem die Motivation für diese Initiative. Unumwunden ließ unlängst die Gesundheitsministerkonferenz verlauten, dass nun, zur Stärkung der hausärztlichen Versorgung, eine zielgerichtete Auswahl der Medizinstudierenden und eine Förderung der Praxisnähe und Allgemeinmedizin im Studium unablässig sei.

Gestärkt sehen sie sich durch den Misserfolg ihrer bisherigen Bemühungen, diesem Problem durch Strukturreformen Herr zu werden. Es geht beim Masterplan Medizinstudium 2020 also offensichtlich nicht um eine ernst gemeinte Modernisierung der Studieninhalte. Vielmehr bahnt sich hier ein bildungs- und ordnungspolitischer Prinzipienbruch an: Die Zulassungsbedingungen und Inhalte sollen geändert werden, um versorgungspolitische Probleme zu lösen!

Diese Motivation wird in den Diskussionen verständlicherweise oft verschleiert und die, eigentlich voneinander unabhängigen, Themen werden bunt miteinander vermischt. So wird man beiden Herausforderungen nicht gerecht! Was aber müsste wirklich getan werden, um die hausärztliche Versorgung zu stärken? Zuerst sollte die Frage beantwortet werden: Wer ist denn überhaupt dazu in der Lage, hausärztlich tätig zu sein? Sind wirklich, wie der Koalitionsvertrag suggeriert, nur Allgemeinmediziner dazu befähigt? Falls man nicht zu diesem Schluss kommen sollte, wäre es sinnvoll, die rechtlichen Rahmenbedingungen entsprechend anzupassen sowie die Förderung einer hausärztlichen Niederlassung konsequent auf diesen größeren Kreis auszuweiten. Das würde die drohende Knappheit deutlich erleichtern. Weiterhin wird die Politik wohl oder übel erkennen müssen, dass auch für sie die Gesetze unserer Marktwirtschaft gelten. Die mittelständischen Unternehmen im ländlichen Raum machen es der Politik bereits vor: Sie reagieren auf den drohenden Fachkräftemangel mit besseren Rahmenbedingungen. Erfolgreich, wohlgemerkt.

Zum Medizinstudium: Fehlt ihm wirklich die Praxisnähe oder die Wissenschaftlichkeit, wie wahlweise von den entsprechenden Interessengruppen behauptet wird? An welchen Qualitätsparametern machen wir das eigentlich fest und liegen etwaige Qualitätsprobleme wirklich an der Ausbildung oder vielmehr an den aktuellen Weiterbildungs- oder allgemeinen Rahmenbedingungen? Es wäre doch ärgerlich, wenn mit Verve vorgetragene subjektive Einschätzungen zu einer Verschlechterung einer eigentlich guten Ausbildungsordnung führen würden. Leider verhindert die Vermischung von versorgungs- und bildungspolitischen Themen bislang eine nüchterne Bestandsaufnahme und qualitätsorientierte Debatte.

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